Interview mit dem Urologen Prof. Dr. Stefan Corvin und der Gynäkologin Dr. Birgit Buchholz im Rahmen der 8. Bayerischen Impfwoche
Von 3. bis 12. Juli organisierte die Bayerische Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI) in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention (StMGP) die 8. Bayerische Impfwoche, die heuer das Thema HPV in den Fokus rückte. Die Kampagne findet regulär alle zwei Jahre statt und wird von zahlreichen regionalen Partnern aus dem Gesundheitswesen getragen. So auch von der Gesundheitsregion plus Rottal-Inn unter der Leitung von Anna Huber: „Ziel der Impfwoche ist es, die Bedeutung der HPV-Impfung bei Mädchen und Jungen stärker ins Bewusstsein zu rücken und bestehende Impflücken zu schließen, um langfristig die Zahl HPV-bedingter Erkrankungen zu reduzieren“, berichtet Huber.
Um über HPV und die Impfung umfassend zu informieren und aufzuklären, hat sie sich im Rahmen der Aktionswoche mit Fachexperten aus dem Landkreis ausgetauscht: Im Interview erklären Dr. Birgit Buchholz, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Amtsärztin am Gesundheitsamt Rottal-Inn sowie der Urologe Prof. Dr. Stefan Corvin, Facharzt für Urologie in einer Eggenfeldener Gemeinschaftspraxis, den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu Humanen Papillomviren und warum die Impfung für Mädchen und Jungen gleichermaßen wichtig ist.
Wofür steht HPV und wie häufig ist das Virus?
Dr. BUCHHOLZ: „HPV steht für Humane Papillomviren. „Es gibt mehr als 200 verschiedene HPV-Typen.“
Prof. CORVIN: „85 bis 90 Prozent aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens infiziert.“ Damit zählen HPV-Infektionen zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen überhaupt.
Warum betrifft HPV fast jeden Menschen im Laufe seines Lebens?
Dr. BUCHHOLZ: „Fast jeder Mensch infiziert sich im Laufe seines Lebens mindestens ein oder mehrmals mit HPV.“ Der Grund dafür ist, dass das Virus sehr leicht durch engen Haut- und Schleimhautkontakt übertragen wird.
Wie wird HPV übertragen und wie leicht kann man sich anstecken?
Prof. CORVIN: Da die Übertragung vor allem durch direkten Haut- und Schleimhautkontakt erfolgt, nicht durch Körperflüssigkeiten, ist die Ansteckung dadurch sehr viel leichter als bei anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen.
Dr. BUCHHOLZ: Bereits kleinste, oft unsichtbare Verletzungen der Haut oder Schleimhaut reichen aus, damit das Virus in die Zellen der Haut bzw. Schleimhaut eindringen kann. Dies ist an verschiedenen Stellen des Körpers, wie bspw. am Anus, Scheide, Gebärmutterhals, Penis, Mund- und Rachenraum möglich. Eine Übertragung sei in erster Linie durch intime Haut- und enge Körperkontakte, wie bspw. beim Geschlechtsverkehr oder Oralverkehr häufig.
Was passiert im Körper, wenn man sich mit HPV infiziert?
Dr. BUCHHOLZ: In der Regel verursachen HPV-Infektionen keine Beschwerden. Viele Menschen bemerken gar nicht, dass sie sich angesteckt haben. Eine Infektion heilt in mehr als 90 % innerhalb eines Jahres von allein aus.
Prof. CORVIN: Gelingt es dem Immunsystem aber nicht, die Viren erfolgreich zu bekämpfen, kann die Infektion chronisch werden. Dadurch können Zell- und Gewebeveränderungen in den betroffenen Haut- oder Schleimhautbereichen entstehen, aus denen sich im weiteren Verlauf Krebs entwickeln kann.
Welche Krebsarten können durch HPV entstehen?
Dr. BUCHHOLZ: Da das Virus verschiedene Körperregionen befallen kann, können auch an unterschiedlichen Stellen Krebserkrankungen auftreten. Zudem steht Gebärmutterhalskrebs bei Frauen am häufigsten mit einer anhaltenden Infektion mit humanen Papillomviren (HPV) in Verbindung. Darüber hinaus können auch Krebsarten an Vulva, Scheide, Anus sowie im Mund- und Rachenraum entstehen.
Prof. CORVIN: Eine HPV-Infektion bei Männern kann Penis-, Anus- sowie Mundhöhlen- und Rachenkrebs verursachen.
Welchen Schutz bieten Kondome vor HPV? Können sie eine Impfung ersetzen?
Prof. CORVIN: „Kondome sind sinnvoll, bieten aber keinen vollständigen Schutz.“ Das Virus werde nicht nur beim Geschlechtsverkehr, sondern auch zum Teil über intime Berührungen übertragen. Der sicherste Schutz vor einer Infektion kann lediglich durch eine Impfung erreicht werden.
Ist die HPV-Impfung nur für Mädchen oder auch für Jungen geeignet?
Hier sind sich beide Experten einig: Die HPV-Impfung ist gleichermaßen für Mädchen und Jungen wichtig. „Jungen können das Virus nicht nur weitergeben, sondern auch selbst an HPV-bedingten Krebsarten erkranken“, so die Experten, die zudem auf die sogenannte „Herdenimmunität“ verweisen: „Nur wenn möglichst viele Mädchen und Jungen geimpft sind, können wir die Verbreitung des Virus deutlich reduzieren“ Gerade bei Jungen gebe es hier noch Nachholbedarf. In diesem Zusammenhang sind gerade Kampagnen wie die Impfwoche so wichtig, um für dieses Thema zu sensibilisieren.
Ab welchem Alter wird die HPV-Impfung empfohlen – und bis zu welchem Alter kann sie sinnvoll sein?
Empfohlen wird die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen zwischen 9 und 14 Jahren – idealerweise vor dem ersten sexuellen Kontakt. Darauf weisen beide Experten hin. Versäumte Impfungen sollten bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.
Dr. BUCHHOLZ: Auch im Erwachsenenalter könne die Impfung noch sinnvoll sein, da sie vor HPV-Typen schützt, mit denen bislang noch keine Infektion stattgefunden hat. Der größte Nutzen bestehe jedoch in jungen Jahren.
Ist es sinnvoll, sich vor einer HPV-Impfung auf eine Infektion testen zu lassen?
Prof. CORVIN: „Nein“, da gerade bei Männern würden HPV-Tests häufig keine verlässlichen Ergebnisse liefern und hätten in der Regel keine Konsequenzen für die Impfempfehlung.
Dr. BUCHHOLZ: Ergänzend ist zu erwähnen, dass die Impfung weiterhin vor den HPV-Typen schützt, mit denen bislang noch kein Kontakt bestand. Deshalb werde eine Testung vor der Impfung grundsätzlich nicht empfohlen.
Warum sollte ich mich impfen lassen, wenn ich regelmäßig zur Gebärmutterhalskrebsvorsorge gehe?
Dr. BUCHHOLZ: „Impfung und Vorsorge sind keine Alternativen, sondern ergänzen sich.“ Die Impfung gehört zur Primärprävention, da sie eine HPV-Infektion und damit verbundene Erkrankungen verhindern soll. Die Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge fällt dagegen in den Bereich der Sekundärprävention. Diese zielt darauf ab, Krebserkrankungen oder die Vorstufen so früh wie möglich zu erkennen, um bessere Behandlungs- und Heilungschancen zu erzielen. „Nur das Zusammenspiel beider Maßnahmen bietet den bestmöglichen Schutz.“
Gibt es bereits Studien, die zeigen, dass die HPV-Impfung Krebs verhindert?
Dr. BUCHHOLZ: „Die Wirksamkeit der HPV-Impfung ist wissenschaftlich sehr gut belegt.“
Prof. CORVIN: „100 % der Gebärmutterhalskarzinome, 90 % der Analkarzinome, 50 % der Peniskarzinome und 50 % der Mund-/Rachenkarzinome sind durch HPV verursacht.“ Durch die Impfungen gegen entsprechende Risiko-Virustypen können diese Tumoren nahezu vollständig beziehungsweise in großem Ausmaß verhindert werden. Darüber hinaus wird auch das Risiko der Entstehung von Genitalwarzen deutlich reduziert.
Beide Experten sind sich einig: den sichersten Schutz vor einer HPV- Infektion bietet nur die HPV-Impfung.
Bild: Im Austausch über HPV: Anna Huber, Geschäftsstellenleiterin der Gesundheitsregion plus Rottal-Inn (Mitte) mit dem Urologen Prof. Dr. Stefan Corvin und Dr. Birgit Buchholz, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Amtsärztin am Gesundheitsamt Rottal-Inn.