27.07.2026 - Wenn Mittelstand auf Gründergeist trifft

Rund 60 Interessierte nahmen an Panel-Diskussion teil

Pfarrkirchen. Wie können etablierte Unternehmen vom Mut und der Arbeitsweise junger StartUps profitieren? Beim Netzwerkabend „Mittelstand x StartUp“ im GreG Rottal-Inn diskutierten fünf Unternehmer und Innovationsexperten mit rund 60 Gästen über Kooperationen, Beteiligungen und eine neue Kultur des Ausprobierens.

Innovative, wenn nicht sogar disruptive Ideen, die Technik von morgen, hoch motivierte Teams und Aufbruchstimmung: Im ersten Moment scheint es das zu sein, was sich etablierte Unternehmen gerne bei StartUps abschauen würden. Bei der Veranstaltung „Mittelstand x StartUp“ im GreG Rottal-Inn zeichnete ein vielseitig besetztes Podium aus StartUps, Unternehmen in der Wachstumsphase und langjährig etablierten Betrieben jedoch ein komplexeres Bild. Was sie verbindet, ist der Mut, Risiken zu akzeptieren, an Fehlern zu wachsen und eine Strategie anzupassen, auch wenn es wehtut. Rund 60 Gäste waren der Einladung des Digitalen Gründerzentrums nach Pfarrkirchen gefolgt. Landrat Martin Koppmann zeigte sich gemeinsam mit dem Team des GreG Rottal-Inn über die vielen interessierten Gäste freute. „Ich möchte allen Gründerinnen und Gründern meinen großen Respekt aussprechen: bleiben Sie weiterhin mutig und setzen Sie Ihre Ideen um. Gleichzeitig möchte ich natürlich auch allen erfahrenen Unternehmerinnen und Unternehmern für ihre starken wirtschaftlichen Leistungen danken. Sie schaffen sichere und wohnortnahe Arbeitsplätze und bringen Rottal-Inn voran – und das auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, das verdient große Anerkennung“, so der Landrat.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie etablierte Unternehmen von dem sprichwörtlichen Gründergeist profitieren können, den StartUps leben. Darüber diskutierten Johannes Radl von Altruan, Maximilian Leonhart von reBricker, Tim Wehner von Pflegepilot, Robert Zellner von der COC AG und Stefan Riedel vom Bayerischen Innovations Transformations Zentrum BITZ. Moderiert wurde der Abend von GreG-Netzwerkmanager Martin Spengler.

Eine besondere Perspektive brachte Tim Wehner ein. Er ist Gründer der Pflegepilot GmbH und zugleich Pflegedienstleiter in einem mittelständischen Familienbetrieb. Damit kennt er sowohl die Welt, in der Ideen schnell getestet und Fehler als Lernschritte verstanden werden, als auch den Alltag eines Betriebs, der Verantwortung für Mitarbeitende und Versorgungssicherheit trägt. „Mut ist keine StartUp-Eigenschaft. Mut ist eine bewusste Entscheidung“, fasste Wehner eine seiner Erkenntnisse aus der Diskussion zusammen.

Die Idee zu Pflegepilot entstand aus seiner Erfahrung im eigenen Familienbetrieb. Die Verwaltung von Pflegebudgets stellt nicht nur diesen, sondern auch viele andere Pflegebetriebe sowie Pflegebedürftige und deren Angehörige vor große Herausforderungen. Wer solche Abläufe digitalisieren will, muss deshalb zunächst die tatsächlichen Prozesse genau verstehen. Zugleich braucht es schnelle Entscheidungen und eine Lösung, die auch in möglichst vielen anderen Betrieben funktioniert – auch denen der Konkurrenz.

Wie unterschiedlich der Transfer von StartUp-Denken in die Praxis aussehen kann, zeigten die weiteren Beispiele. Johannes Radl schilderte, wie ein junges, stark wachsendes Unternehmen Strukturen aufbaut, ohne dabei Geschwindigkeit und Kundennähe zu verlieren. Zudem berichtete er, welche Anziehungskraft ein ausgeprägtes StartUp-Mindset auf Bewerber entfalten kann.

Maximilian Leonhart zeigte am Beispiel von reBricker und dessen Investor und Kooperationspartner Scalemo, einem österreichischen Klemmbaustein-Shop, wie sich die Stärken eines StartUps mit denen eines etablierten Unternehmens verbinden lassen. reBricker bringt eine Technologie zum Sortieren gebrauchter Klemmbausteine ein, Scalemo seine ausgereiften Versandstrukturen, Marktkenntnis, gewachsene Kundenbeziehungen und unternehmerische Erfahrung.

Ein gemeinsamer Nenner aller Diskussionspartner war, dass Mut nicht mit blindem Risiko gleichgesetzt werden darf. Vielmehr ging es darum, neue Ideen zunächst in überschaubarem Rahmen zu testen, früh mit Kunden zu sprechen und Erkenntnisse schnell in die Weiterentwicklung einfließen zu lassen. Für etablierte Unternehmen könne das bedeuten, Entscheidungswege zu verkürzen und zunächst kleine Experimente zuzulassen.

Robert Zellner und Stefan Riedel ergänzten die Perspektiven eines etablierten IT-Unternehmens und des Innovationsmanagements. Die Themen reichten von gemeinsamen Pilotprojekten über Beteiligungen und Ausgründungen bis zur Unternehmensnachfolge. Nicht jede Innovation müsse im eigenen Haus von Grund auf entwickelt werden. Entscheidend sei etwa bei der Beteiligung an einem StartUp, früh zu klären, welches Problem gelöst werden soll, wer Verantwortung übernimmt und woran der Erfolg gemessen wird.

Wie aktuell das Thema ist, zeigt auch das jüngste StartUp-Barometer von EY. Demnach flossen im ersten Halbjahr 2026 knapp 5,3 Milliarden Euro Risikokapital in deutsche Jungunternehmen, 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein gutes Zeichen, denn gerade für junge und kleinere StartUps sind regionale Partner, erste Kunden und gemeinsame Pilotprojekte anfangs besonders wichtig.

Der Abend im GreG zeigte, dass das Interesse daran vorhanden ist. „Kooperation beginnt oft mit einem Gespräch mit jemandem, den man vorher noch nicht auf dem Schirm hatte“, fasste Spengler den Netzwerkgedanken der Veranstaltung zusammen.

 

Fotocredits: Viktoriia Petoshyna, Bayern-IT